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31 / 05 / 2017

Keine Schönheit ohne Denken.

 

In der aktuellen Ausgabe der Zeit ist in der Rubrik Wissen folgende Versuchsanordnung beschrieben:

Man bat eine Reihe von Probanden eine unterschiedliche Abfolge von Bildern, Süßigkeiten und sensorischen Erlebnissen hinsichtlich des Grads des dargestellten Genusses und ihrer Schönheit zu bewerten. Unter den Bildern befanden sich solche von Ikea-Möbeln und Hundewelpen, es gab verschiedene Süßspeisen und es standen Teddybären in unterschiedlichen Ausführungen zum Befühlen zur Verfügung. Im ersten Durchgang konnten sich die Probanden ohne Ablenkung auf die gezeigten Bilder und Gegenstände konzentrieren. Im zweiten Durchgang mussten sie parallel folgende Aufgabe lösen: Über Kopfhörer wurde ihnen eine Abfolge von Buchstaben vorgelesen und sie mussten eine Taste drücken, sollte der aktuelle Buchstabe dem vorletzten entsprechen. Unter dieser Versuchsanordnung blieb die Einschätzung des Genusswertes unverändert, derjenige der Schönheit aber sank.

 

Anscheinend bedarf es unserer ungeteilten Aufmerksamkeit und Konzentration, um Schönheit zu empfinden; wir müssen uns mit den Dingen beschäftigen, um sie als schön zu erkennen. Es handelt sich also im Gegensatz zum Genuss nicht um einen bloßen Reflex.

 

In diesem Sinne ist es den Wissenschaftlern Aenne Brielmann und Denis Pelli von der New York University mit dem oben beschriebenen Versuch gelungen, die Aussage Emanuel Kants zu bestätigen: «Das Wohlgefallen am Schönen muss von der Reflexion über den Gegenstand abhängen; und unterscheidet sich dadurch auch vom Angenehmen, welches ganz auf der Empfindung beruht.» (aus Kritik der Urteilskraft, 1790)

Schönheit und Reflexion

Dies hat viel mit unserem Berufsalltag zu tun. In der Auseinandersetzung mit Architektur geht es immer auch um Schönheit: die Stimmigkeit der Proportionen, die Eleganz des Tragwerks oder die Ästhetik einer Oberfläche. In unseren bürointernen Diskussionen zu den Projekten spielen diese Begriffe in allen Projektphasen eine zentrale Rolle. Wir ringen um den richtigen Ausdruck eines Gebäudes, um dessen Bezüge zu seinem städtebaulichen Umfeld, zum bereits Vorhandenen, wir diskutieren sein typologisches Ordnungsprinzip, wägen Lichtstimmungen, Aussichten und haptische Qualitäten ab. Sicherlich sind all diese Diskussionen durch subjektive Empfindungen geprägt, aber schlussendlich ist das Resultat dieser gedanklichen Auseinandersetzung nicht alleine eine Geschmacksfrage, sondern führt im kantschen Sinne zu einer subjektiven Allgemeinheit, zu einer guten Architektur, die den Anspruch hat, auch von anderen als solche empfunden zu werden.

 

In den vielen Gesprächen, die ich im Verlauf eines Projektes mit Bauherren und deren Beratern, mit Behördenvertretern, Fachingenieuren und Spezialisten führe, geht es nur sehr selten um Schönheit. Solange wir die Vor- und Nachteile einer Idee technisch, betrieblich, ökonomisch oder rechtlich bewerten können, tun wir dies: Investitionskosten versus Unterhaltskosten, Erhöhung der Ausnutzung, Einsparpotentiale, kurze Wege, das Erreichen von Nachhaltigkeitszertifikaten, die Einhaltung von SIA-Normen, etc. Dies hat alles seine Berechtigung und ist gut und richtig, aber es reicht nicht aus. Es braucht in allen Projektphasen auch eine Diskussion über die Schönheit der vorgeschlagenen Lösungen. Es ist an uns Architekten, diese Gespräche mit unseren Kunden und Partnern zu initiieren. Aber wir sind auf deren Offenheit und Dialogbereitschaft angewiesen. Nur in dieser Auseinandersetzung ist es möglich, gute Architektur zu entwickeln und deren Schönheit erlebbar zu machen.

Quellen:

«Wie empfinden wir Schönheit?» von Christoph Drösser in Die Zeit, Ausgabe Nr, 21, Rubrik Wissen, 18. Mai 2017

 

«Beauty Requires Thought» von Aenne Brielmann und Denis G. Pelli in Current Biology, 11. Mai 2017

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