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24 / 02 / 2017

Klimaschutz.

Fokus auf das Wesentliche: Gebäude wie das Bürogebäude 2226 in Lustenau, Österreich helfen mit, die in Paris 2015 verabschiedete Klimaschutz-Vereinbarung umzusetzen. (Foto: archphoto, inc. © Baumschlager Eberle Architekten)

Gebäude im Dienste des nationalen und internationalen Klimaschutzes

Im Dezember 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft in Paris eine neue Klimaschutz-Vereinbarung verabschiedet. Darin wird das Ziel festgehalten, die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen. Klimawissenschaftler sind sich einig, dass dieses Ziel erreicht werden kann, wenn die heutigen Emissionen von Treibhausgasen (CO2, Methan, Lachgas und weitere), auch CO2-Fussabdruck genannt, bis 2050 um mindestens 80% reduziert werden. Bereits heute sind grosse Schäden an der Umwelt (beispielsweise Absterben und Ausbleichen von Korallenriffen, Abschmelzen des arktischen Meereises) und an Infrastrukturanlagen (Überschwemmungen, Murgänge, Sturmschäden) zu gewärtigen. Die Trends deuten zudem auf immer grössere Schäden hin. Deshalb ist es auch aus wirtschaftlichen Gründen angezeigt, vorsorgend und in der Schweiz zu handeln.

 

Der Gebäudepark in der Schweiz verursacht durch Erstellung und Betrieb knapp 30% des CO2-Fussabdrucks der Schweiz. Gebäude sind deshalb ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer klimaverträgliche(re)n Schweiz. Die zunehmende Regulierungsdichte in der Schweiz (siehe Blogbeitrag von Christoph Gschwind und Nico Ros) kann Architekten und Planerinnen daran hindern, den CO2-Fussabdruck ihrer Bauprojekte zu minimieren beziehungsweise sie dazu verleiten, dieser Anforderung nicht die nötige Beachtung zu schenken. Und dies obwohl einerseits der Handlungsbedarf gross ist und anderseits einfache und qualitätsgesicherte Hilfsmittel verfügbar sind.

Das SIA Merkblatt 2040 als Vollzugshilfe der Klimaschutz-Vereinbarung von Paris

In den letzten dreissig Jahren hat sich in der Schweiz unter massgeblicher Beteiligung der ETH Zürich eine international beachtete Tradition des Lebenswegdenkens und des Bereitstellens der dazu benötigten Grundlagen und Instrumente etabliert. Für eine stetig steigende Anzahl von (Schweizer) Unternehmen ist es heute eine Selbstverständlichkeit, ihre betriebliche Umwelteffizienz aber auch den Umweltfussabdruck ihrer Produkte erstens zu kennen und zweitens kontinuierlich zu verbessern beziehungsweise zu verringern. Die Unternehmen können hierbei auf eine qualitätsgesicherte, aktuelle, harmonisierte und umfassende Datengrundlage zurückgreifen, für die uns das Ausland beneidet und die die Bilanzierung kostengünstig und einfach macht.

 

Doch wie kann eine Architektin, wie kann ein Planer einschätzen, ob der CO2-Fussabdruck ihres «Produktes», nämlich eines Bauprojektes oder von Bauprojektvarianten den Anforderungen des Paris-Abkommens genügt? Mit der KBOB-Empfehlung 2009/1:2016 «Ökobilanzdaten im Baubereich», dem SIA Merkblatt 2040 «SIA-Effizienzpfad Energie» und den darauf aufbauenden Rechenhilfen steht eine solide und richtungssichere Grundlage zur Verfügung. Die KBOB-Empfehlung enthält Umweltkennwerte zu Baumaterialien, Gebäudetechnikkomponenten, Energieträgern und Transportdienstleistungen. Das SIA Merkblatt regelt das Vorgehen, wie der CO2-Fussabdruck und der Primärenergiebedarf der Erstellung und des Betriebs von Gebäuden sowie der durch das Gebäude induzierten Mobilität ermittelt wird. Das Merkblatt, welches dieses Jahr in einer revidierten und erweiterten Version publiziert wird, enthält Richt- und Zielwerte für Neu- und Umbauten, differenziert nach Nutzung (Wohnen, Verwaltung (Büros), Schulen, Fachgeschäfte, Lebensmittelgeschäfte, Restaurants). Diese Zielwerte, beispielsweise 16 kg CO2-eq pro m² Energiebezugsfläche und Jahr für Neubauten Wohnen, davon maximal 11 kg CO2-eq durch Erstellung und Betrieb, dienen vorausschauenden und langfristig orientierten Bauherren als wichtige Orientierungs-, Ziel- und Optimierungsgrösse, sowohl im Vorprojekt wie auch im Ausführungsprojekt. Sie zeigen auf, ob das Gebäude mit dem Ziel der neuen Klimaschutz-Vereinbarung im Einklang steht.

 

Parallel zur Revision des Merkblatts wurde auch die Rechenhilfe aktualisiert, mit welcher der CO2- und der Primärenergie-Fussabdruck von Gebäuden effizient und mit geringem Aufwand berechnet werden kann. Daneben gibt es verschiedene geprüfte Software-Lösungen, mit denen der CO2-Fussab­druck, meistens zusammen mit den thermischen Nachweisen, berechnet werden können.
Die Quantifizierung des CO2- und des Primärenergie-Fussabdrucks von Bauprojekten zeigt auf, ob und inwiefern unkonventionelle und Innovative Ansätze zu zukunftstauglichen Lösungen und Gebäuden führen können.

«Paris-taugliche» Gebäude: Bauten mit geringem CO2-Fussabdruck

Das Bürogebäude 2226 in Lustenau, Österreich wurde ohne Heizungs- und Lüftungsanlagen erstellt. Ein 76cm dickes, einschaliges Backstein-Mauerwerk stellt den thermischen Komfort und Raumtemperaturen während des ganzen Jahres zwischen 22 und 26°C sicher (daher sein Name «2226»). Schmale, geschosshohe Lüftungsklappen dienen dem natürlichen Luftaustausch. Im Rahmen eines vom Bundesamt für Energie, dem Bundesamt für Umwelt und dem Amt für Hochbauten der Stadt Zürich finanzierten Projektes hat Katrin Pfäffli, Zürich, dieses Gebäude gemäss Merkblatt SIA 2040 bilanziert. Der CO2-Fussabdruck des Betriebs des Bürogebäudes 2226 unterschreitet den entsprechenden SIA Richtwert deutlich. Trotz der dicken Backsteinmauer unterschreitet das Bürogebäude 2226 auch den SIA Richtwert «Erstellung», was wesentlich durch die sparsam aber intelligent eingesetzte Haustechnik begründet ist. Damit erfüllt dieses Gebäude die Anforderung der neuen internationalen Klimaschutz-Vereinbarung und ist also «Paris-tauglich».

Leuchtturm-Beispiele wie das hier beschriebene sind wichtig auf dem Weg in eine postfossile und damit klimaverträglichere Zukunft. Sie inspirieren fortschrittliche Bauherren, Architekten und Planerinnen und weisen den Weg hin zu einer zukunftstauglichen Schweiz. Aber auch bei klassischen Bauvorhaben können Ingenieure und Architekten Lösungen für «Paris-taugliche» Gebäude entwickeln und anbieten. Damit kann unser Berufsstand mithelfen, den Klimawandel, eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit, zu begrenzen. Die Werkzeuge dazu liegen bereit; nutzen wir sie.

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