toggle menu
‹ Zur Übersicht
27 / 01 / 2017

Verantwortung.

Vom Mikromanagement zu mehr Verantwortung

Immer weitere Spezialisierungen und ständig wachsende Komplexität kennen wir aus allen möglichen Lebensbereichen. Nicht in jedem Fall und nicht von allen werden diese Entwicklungen voll und ganz begrüsst. So zeigt ein kritischer Blick auf den komplexer werdenden Bauprozess und dessen zunehmend umfangreiche Regulierungen durchaus auch negative Auswirkungen. Die Frage ist: Werden Komplexität und Regulierung in Zukunft weiter wachsen oder können und wollen die am Bau Beteiligten den Verlauf beeinflussen?

Längst gibt es eine wachsende Reihe an Spezialisierungen

Bis Mitte des letzten Jahrhunderts konnte ein Architekt zusammen mit dem Bauingenieur ein Gebäude planen. Doch schon längst gibt es neben Architektur und Bauingenieurwesen eine wachsende Reihe an Spezialisierungen wie Haustechnik, Bauphysik, Brandschutz, Akustik und viele mehr. Diese Fragmentierung in viele Fachbereiche und die Splittung des Planungsprozesses ergeben sich aufgrund fortschreitend steigender Anforderungen an ein Bauwerk – und sind ein Spiegel des wachsenden Wohlstandes und gesellschaftlichen Wandels.

Fragmentieren versus Fokussieren

Fortschreitende Fragmentierung in viele Fachbereiche, steigende Spezialisierung und damit immer mehr beteiligte Fachleute: Das bedeutet natürlicherweise  wachsende Regulierung. In den letzten Jahren sehen sich alle am Bau Beteiligten immer umfangreicheren Regelwerken und Normen gegenüber. Aus diesen Entwicklungen ergab sich darüber hinaus die Notwendigkeit eines Managements, das heutzutage die ehemals vom leitenden Architekten übernommenen Aufgaben hat. Dies scheint für die Bauherren unerlässlich, denn für sie sind die komplexeren Prozessstrukturen und die fragmentierte Planungslandschaft mit zahlreichen spezialisierten Gewerken längst unübersichtlich geworden.

 

Ein Ende von immer noch mehr Disziplinen und damit immer mehr Regulierung ist zurzeit nicht in Sicht. So ergibt sich die Frage, wie eine weiterhin umfangreichere Komplexität irgendwann einmal zu fassen sein wird – etwa durch mehr Normen? Und noch eine Frage: Wie lange kann oder möchte unsere Gesellschaft sich die daraus resultierenden höheren Baukosten leisten?

Die Fragmentierung des Bausektors scheint eindeutig die Kosten zu steigern

Dass die Fragmentierung des Bausektors die Kosten steigert, scheint eindeutig: Je mehr Disziplinen und Fachleute, je umfassender ein General-Management, je höher der Planungsaufwand - desto höher die Gesamtkosten. Die eigentliche Idee der Normierung war eine Qualitätssteigerung, das Koordinieren von Schnittstellen und ein effizienterer Ablauf. Tatsächlich aber ist der Punkt erreicht, an dem Regulierungen massgeblich zur Komplexität und damit zu den Kosten beitragen.  

 

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob umfangreiche Regelwerke die Qualität steigern oder nicht auch hinderlich sein können. Normen sichern in der Regel Mindeststandards. Das ist häufig gut, aber eben nicht grundsätzlich. Denn sie bergen das Risiko, dass zwar vorgeschriebene Mindestanforderungen erfüllt werden, die aber mitunter für den einen besonderen Fall überflüssig sind und somit Kosten produzieren, die nicht notwendig wären. 

Ein Zuviel an Regulierung verhindert also überdurchschnittlich gute spezifische Lösungen, die eigentlich aufgrund der Fachkompetenz von Planern und Handwerkern möglich wären – deren Handlungsspielraum ist eingeschränkt. Gleichzeitig schwinden auch der unmittelbare Bezug der Planer zur konkreten Umsetzung auf der Baustelle sowie der Dialog mit dem Handwerk.

Auf den Punkt gebracht: der Fokus fehlt.

 Vor lauter Spezialisierungen sind Haupt- und Nebensache oft nicht mehr unterscheidbar; vor lauter Fragmentierung geht ein gesamtheitliches Verständnis für den Bau verloren. Vor lauter Normen ist die Frage nach dem «Wie» wichtiger als die Frage nach dem «Was». Möglicherweise werden Gebäude zielgenauer geplant und individuelle Anforderungen besser erfüllt, wenn Normen nicht mehr als limitierend, sondern nurmehr als unterstützend verstanden werden.

Die gestalterische und technische Qualität von Gebäuden soll bei gleichzeitiger Wirtschaftlichkeit erhöht werden. Gemäss dieser Forderung wäre die ideale Zukunft eine, in der es gemeinsam gelänge, die Komplexität zu reduzieren, die Anforderungen an ein Gebäude auf wesentliche Punkte zu fokussieren und damit bewusst Freiräume für Planung und Umsetzung zu schaffen. 

Die gesamtheitliche Betrachtung eines Bauwerkes stärkt Effizienz und Qualität

Das Zurücknehmen von Komplexität und Regulierungen würde neue (oder die alten) Freiräume für kreative, innovative und spezifische zielgenaue Lösungen schaffen. Die prägenden Qualitäten der schweizerischen Bautradition – nämlich die praxisbezogene Fachkompetenz von Planern und Handwerkern – bekämen wieder mehr Gewicht. Zudem stärkt die gesamtheitliche Betrachtungsweise eines Bauwerkes mit den jeweils spezifisch dafür festgelegten Anforderungen gleichermassen Effizienz und Qualität. 

Allerdings wäre als Folge jeder am Bau Beteiligte gefragt, ein Mehr an Verantwortung zu übernehmen. Dies wäre die entscheidende Voraussetzung für Auftraggeber. Denn bei geringerer Regulierung durch Normen und Gesetzte ist eine tragfähige Vertrauensbasis notwendig. Wir alle wären also gefordert, unseren Auftraggebern die entsprechende Sicherheit durch unser konkretes Tun unter Beweis zu stellen. 

Kommentare (0)

Kommentar schreiben